Texte und Arbeiten im Themenfeld

Text für die HKB-Zeitung

Ich durfte für die HKB Zeitung einen Text über mein Projekt verfassen. Dies war für mich eine gute Gelegenheit das Thema zugänglich und geschärft herunterzubrechen um es verständlich zu formulieren. Die Erarbeitung dieses Textes war also eine gute Übung für die weitere Schreibarbeit. Dafür hatte ich einen ersten Entwurf angelegt, den ich danach mit aussenstehenden Personen besprochen hatte, welche wenig oder keine Kenntnisse meines Projektes hatten. Die Inputs die mir zurück gespielt wurden waren sehr ergiebig. Ich nahm mir daraufhin vor, dieses Vorgehen auch für die Master-Thesis zu wiederholen.

HKB-Zeitung 3/2019 

26. August 2019  

Monsters and Others

Monster als Werkzeug und Waffe um Gender-Stereotype zu dekonstruieren

Von Julia Geiser *

Der Begriff Monster stammt ursprünglich vom lateinischen Verb «monere» ab, was so viel bedeutet wie «mahnen, warnen». Es gibt nicht die eine gültige Definition von Monster, ihre Bedeutungen unterscheiden sich durch die Zeiten und Orte, denen sie entsprungen sind. Monster stehen für das Unbekannte, das Andere, das Fremde, das von der Norm abweichende. Denn was wir (noch) nicht kennen, ist uns nicht geheuer, oder eben ungeheuerlich. Gemeinsam ist den ungeheuerlichen Kreaturen ihre Wandelbarkeit und Unbeständigkeit. Sie entziehen sich unserem Bedürfnis nach dem Einteilen in klare Kategorien. Gerade darum sind sie auch ein spannendes Mittel um, über unsere bestehenden Vorstellungen von Gender zu reflektieren.

Wie auch die Monster gelten queerfeministische Menschen als «das Andere». Nicht selten erfahren diese Menschen Ausgrenzung und werden auch nach wie vor als Monster bezeichnet. Viele dieser Kreaturen fungieren als überzeichnete Bedrohungen, die durch Held*innen bezwungen werden müssen und die Gesellschaft von ihnen befreien, um letztlich die vermeintliche Normalität wiederherzustellen. Die selbsternannten Held*Innen von heute tragen jedoch keine Rüstung sondern gefährliches Gedankengut. Sie schwingen keine Schwerter, sondern werfen mit messerscharfen Worten und verworrener Rhetorik um sich und fordern die Wiederherstellung einer Hierarchie, die höchstens den Privilegien einer klar definierten Gruppierung zu Gute kommt – weisse, konservative Patriarchen.

Ich untersuche in meiner Master-Arbeit wie Monster als queerfeministisches Mittel in Illustration genutzt werden um Gender-Dichotomien zu kritisieren und neu zu schreiben. In drei Workshops habe ich mit Interessierten Personen, Studierenden des Studiengangs Visuelle Kommunikation und Studierenden der Gender-Studies rund 100 zeitgenössische Illustrationen von Monstern besprochen. Wir untersuchten, wo Kritik an Gender-Dichotomien erkennbar ist und mit welchen Mitteln dies gemacht wird.

Ein solches Mittel war die Hybridisierung von Mensch und Tier. Diese Verschmelzung wird gerne benutzt um die Kategorie Mensch aufzulösen, respektive sie in ihrer Rolle als abgeschlossene und vordefinierte Kategorie zu kritisieren.

Zwischentitel z.B. Hybridisierung als Kritik

So setzt diese Hybridisierung z.B. bei Meerjungmenschen von der Leiste abwärts an. Der Fischschwanz verdeckt, respektive ersetzt das menschliche Genital und fängt in dem Sinne da an, wo wir menschliches Geschlecht primär zuordnen. Bis heute hält sich die Praxis hartnäckig, dass wir Gender darüber definieren, was wir zwischen den Beinen eines Menschen zu erkennen glauben. Diese Handhabung ist nicht nur streng binär, sondern für viele Menschen auch eine leidvolle und schmerzhafte Erfahrung. So ist es zum Beispiel für Inter*- und Trans*menschen ausserordentlich wichtig, dass Identität nicht nur an den Genitalien festgemacht wird.

Meerjungmenschen verunmöglichen den Betrachtenden die Identität der dargestellten Figuren an deren Geschlechtsteilen festzumachen, was durchaus als Kritik an unserer Praxis von Gendervorstellungen gelesen werden kann. Diese Hybridisierung von Mensch und Tier ist ein selbstermächtigendes Mittel in Illustration um bestehende Vorstellungen zu kritisieren und herauszufordern.

Patricia MacCormack schreibt über Hybridität: «Becomings-animal in certain body modifications directly refuses being named as a failure by presenting as a volitional way to re-name oneself via qualities which are considered liberating rather than devolutionary.» [Posthuman Teratology, 2013, S. 301]

Monster werden immer vom Menschen geschaffen und sind reine Projektion gesellschaftlicher Kultur und Veränderung. Sie halten uns einen Spiegel vor. Wir können unsere ungeheuerlichen Kinder in die entlegensten Winkel dieser Welt verbannen, doch sie werden zurückehren und uns fragen warum wir sie geschaffen haben. J. Cohen schreibt über Monster «They ask us to reevaluate our cultural assumptions about race, gender, sexuality, our perception of difference, our tolerance towards its expression.»[Monster Theory: reading culture, 1996, S. 20]

Zwischentitel

Monster haben das Potential als ein queerfeministisches Werkzeug zurückerobert zu werden, erfahrene Dämonisierung sichtbar zu machen und bestehende Missstände neu zu verhandeln. Denn sie sind ein wunderbares Mittel, um über das Menschsein nachzudenken und die bestehenden Verhältnisse zu reflektieren. Gerade weil sie eine Sicht von Aussen, abseits der Norm und gängigen Gender-Stereotypen, mit sich bringen.

Die gestalterische Praxis ist machtvoll, denn durch sie können vorhandene stereotype Repräsentationssysteme herausgefordert oder auch perpetuiert werden. Illustrationen sind nie nur ein Abbild einer vorhergehenden Wirklichkeit sonder konstruieren unsere Vorstellungen davon immer auch mit. Es ist Zeit, dass sich Design mehr mit der normativen Beschaffenheit von Repräsentation beschäftigt. Das Untersuchen und Sichtbarmachen von Strategien und Ästhetiken ausserhalb eines patriarchalen Kanons ist dabei ein wichtiger Anfang.

Cohen Monster Theory: reading culture, Hrsg. Jeffrey Jerome Cohen, Minneapolis: University of Minnesota Press 1996

Patricia MacCormac, Posthuman Teratology, in The Ashgate Research Companion to Monsters and the Monstrous, hrsg. von Asa Simon Mittman, New York: Routledge 2013.

Infoblock Inter* und Trans*identitäten:

Bei der Geburt eines Kindes wird zuerst nach dessen Geschlecht gefragt. Diese Fragen wird den Eltern nicht nur vom gesellschaftlichen Umfeld, sondern auch vom Recht gestellt. Gesetzlich gibt es nach wie vor nur zwei Geschlechter und dies darf rechtlich auch nicht unbenannt, respektive unbestimmt bleiben. Seit 1950 werden in der Schweiz bei Neugeborenen deren Genitalien nicht eindeutig als weiblich oder männlich kategorisiert werden können, chirurgisch eingegriffen. Menschenrechtsgremien, Ethikfachleute und Betroffene fordern ein umdenken. Eine Stellungnahme der nationalen Ethikkommission vom November 2012 wurde am 6. Juli 2016 vom Bundesrat zwar bestätigt, aber in wesentlichen Punkten nicht umgesetzt. Immer noch werden irreversible geschlechtsbestimmende Operationen durchgeführt, bevor die betroffene Person selbst darüber entscheiden kann. Dies, obwohl die Nationale Ethikkommission in Empfehlung Nr. 4 klar festhält, dass auch eine «psychosoziale Indikation […] aufgrund ihrer Unsicherheiten und Unwägbarkeiten eine irreversible geschlechtsbestimmende Genitaloperation an einem urteilsunfähigen Kind allein nicht rechtfertigen [kann]».

Lange Zeit galt Transgender als eine Krankheit. Weltgesundheitsorganisation (WHO) kündete erst 2018 an, dass Transgender in der neuen Fassung der ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems) nicht mehr als «Störung von Psyche oder Verhalten» eingeordnet wird. Diese wird ab 2022 International und auch in der Schweiz gelten. Die bisherige Diagnose trug massgeblich zur Stigmatisierung und gesellschaftlicher Marginalisierung von Transmenschen bei.

Quellen zum Infoblock:

Besucht am 3.07.2019: https://www.humanrights.ch/de/menschenrechte-schweiz/inneres/person/humanforschung/menschen-geschlechtsvarianten

Besucht am 3.07.2019: https://www.ius.uzh.ch/dam/jcr:54618db1-62b2-43b8-9b2f-4e77e77d40d2/BuechlerCottierIntersexualitaetTranssexualitaetRecht.pdf

Besucht am 3.07.2019: https://www.tgns.ch/de/2018/06/who-trans-menschen-nicht-laenger-psychisch-und-verhaltensgestoert/

(*) Julia Geiser studiert Master Design der HKB.