Workshops

Auslegeordnung 3

Im Rahmen eines Brown Bag Lunch an der Universität Bern durfte ich mein Projekt vorstellen und die Auslegeordnung durchführen. Nach einer kurzen Einführung beantwortete ich vor der Auslegeordnung einige Fragen. Da wir eine eher kleine Gruppe von 8 – 10 Personen waren, wurde die Auslegeordnung zusammengelegt und gemeinsam besprochen.

In der Vorangehenden Fragerunde wurden einige wichtige und spannende Fragen gestellt:

Es wurde nach dem Monster in Verbindung mit Ethnie im Kontext der Kolonialgeschichte gefragt. Dies ist ein sehr wichtiger Punkt. Ich will unbedingt betonen, dass das Monster im Grunde, intersektional gesehen, fast immer eine Vielzahl von Kategorien hinterfragt. Gender ist nur eine davon, welche ich herausgepickt habe. Wie sich Gender und Monster historisch verbanden ist in meiner Thesis zu lesen.

Es wurde auch gefragt, wie ich gedenke meine Forschung aufzuarbeiten. Meine angedachte Ausstellung und Publikation wurden sehr positiv aufgenommen. Auch unter dem Gesichtspunkt, dass das Thema so weiter zur Verhandlung gestellt wird und auf seine Fluidität verweist.


Hybridität

Die Gruppe diskutierte, dass sie viele Verschmelzungen von Tier und Mensch erkannten und wie dies oft benutzt wird, um die Kategorie Mensch aufzulösen, respektive sie in ihrer Rolle als abgeschlossene und vordefinierte Kategorie zu kritisieren.

Meerjungmenschen:

Im Zusammenhang mit Hybridität diskutierten wir länger über die Bedeutung von Meerjungfrauen respektive Meerjungmenschen. Dabei wurde gesagt, dass wir dies mehrheitlich mit dem Weiblichen assoziieren, da es ja zum einen auch Meerjungfrau heisst. Zum Anderen wird aber auch das Element des Wassers oft mit Weiblichkeit in Verbindung gebracht. [1] Es wurde eingebracht, dass es durchaus auch männliche Versionen davon gebe, wie zum Beispiel Poseidon oder auch Figuren in Disneys Arielle.

Für die Diskussion war es aber vor allem höchst Interessant, dass die Hybridität bei Meerjungmenschen von der Leiste abwärts ansetzt. Der Fischschwanz verdeckt, respektive ersetzt das menschliche Genital und fängt in dem Sinne da an, wo wir menschliches Geschlecht zuordnen. Damit verunmöglichen Meerjungmenschen den Betrachtenden die Identität der dargestellten Figuren an seinen Geschlechtsteilen festzumachen, was durchaus als Kritik an unserer Praxis von Gender-Stereotypen gelesen werden kann. Die Gruppe diskutierte, dass die Idee der Meerjungmenschen per se geschlechtslos (im Biologischen Sinn) ist.

Im Verlaufe dieser Diskussion erinnerte ich mich an ein Bild, das ich während meiner Suche gefunden habe, jedoch aus dem Korpus ausgeschlossen habe. Die stark gewaltvollen Darstellungen von Sexualität und expliziten, sexistischen Aussagen wiederholen androzentrische und Heteronormative Stereotype.

Illustration von Toshio Saeki

Das Bild kann in diesem Kontext als eine gewaltsame Wiederherstellung von Geschlecht gelesen werden. Diese Darstellung interessiert mich vor allem im Kontext der Diskussion. Denn durch die Gegenüberstellung wurde das Bild sofort als Untermauerung des Argumentes gelesen, dass Meerjungmenschen sich unserer Zuschreibung von Gender anhand von Genitalien entziehen und diese Darstellung ein Beispiel dafür ist, wie der Mensch nicht mit dieser Ambiguität umgehen kann und diese klare Zuteilung von Geschlechtlichkeit erzwingt, allenfalls auch mit Gewalt.

Diese explizite Aussage ist wohl kaum von Künstler beabsichtig. Toshio Saeki ist ein Japanischer Ero guro[2] Künstler, eine literarische und künstlerische Bewegung, die in den 1930 Jahren begann und die sich der Verbindung von Erotik und groteskem Horror widmete. Saeki schafft bis heute populäre Ero guro-Werke und wird gerne als Satire auf die Geschlechterrollen in Japan verstanden. Der Künstler versteht sich selbst nicht als politisch und verbleibt vielmehr in seiner spielerischen Rolle des Zeichners, wo er auch für das japanische Equivalänt des Playboys oder BDSM Magazine illustrierte. [3]

Seine Bilder zeigen extreme sexuelle Gewalt, ohne explizit Genitalien darzustellen, da in Japan das Zeigen von Genitalien lange verboten war und bis heute sehr ambivalent gehandhabt wird. So gibt es zwar ein Penisfestival, wo ganze Paraden von männlichen Genitalien durch die Strassen ziehen. Gleichzeitig wurde aber 2016 die Künstlerin Megumi Igarashi für den 3D Druck einer Vulva verhaftet. [4]


[1] Wasser als Symbol des Lebens und der Erneuerung ist kulturübergreifend. Wasser ist nicht nur im physischen Sinn lebensnotwendig, sondern steht symbolisch auch für das geistige Leben, die Fruchtbarkeit des Menschen. Im indischen „Bhavishyotarapurana“ wird Wasser als der Ursprung der ganzen Existenz beschrieben und nach der babylonischen Mythologie des „Enuma Elisch“ ging die Erde aus dem Wasserchaos hervor. Nach anderen Legenden und Mythen stammen entweder die Menschen generell oder bestimmte Völker aus dem Wasser. Das „Meer der Kinder“ (segara anakhan) befindet sich an der Südküste Javas. Nach einem Mythos der Karadja in Brasilien gab es eine Zeit, in der sie sich noch im Wasser befanden. Viele finnisch-ugrische Kulturen kennen den Mythos von der Wassermutter, an die sich die Frauen auch wandten, wenn sie keine Kinder bekommen konnten. In vielen Kulturen stehen Wasser, Mond und das weibliche Prinzip in engen symbolischen Zusammenhängen.
Quelle: Bauer 2006, Besucht am 10.05.2019: https://www.forum.lu/wp-content/uploads/2015/11/5733_258_Bauer.pdf

Von den Wasserfrauen Nebst Neptun, Poseidon, Wassermann und so manchem anderen Wassergeist begegnen wir in Märchen und Mythologie vor allem weiblichen Wasserwesen: Da gibt es die russische Russalka und in Frankreich die schöne Melusine, die estnische Flussmutter, die Wassermume in Schleswig-Holstein und das hilfreiche Meerweib zu Helgoland, da hören wir von den sibirischen Schwanenmädchen und den unzähligen Quelljungfern der Schweiz, von den Hexen der Wellen auf Sylt und den verführerischen Nixen und Sirenen in Griechenland – die Liste liesse sich noch lange fortsetzen. Längst nicht alle sind den Menschen wohl gesonnen und drücken auch die zerstörerische Seite der Wasserkräfte aus. Oft aber sind sie Schutzgeister ihres Gewässers oder deren Hüterin. Sie wachen darüber, dass die Gesetze und Bräuche rund um das Wasser eingehalten werden. So halten in Baden zum Beispiel die drei weissen Frauen bei Verunreinigung das heilkräftige Thermenwasser so lange zurück, bis alles wieder in Ordnung gebracht ist. Es erstaunt nicht, wenn wir das Wasser auch in rituellen Zusammenhängen antreffen. Es verleiht Lebendigkeit. Es wäscht rein. Es schützt. Es begleitet ÜbergängeInsbesondere das Tauf- und Weihwasser trägt in der christlichen Tradition den Charakter des „Lebenswassers“, was in Märchen wie jenem „der sieben Raben“ besonders schön zum Ausdruck kommt.“ Vgl. Evelyn Dorastochter Hartmann 2017, Besucht am 10.05.2019: https://dorastochter.ch/newsbeitrag/das-element-wasser-in-maerchen-mythen-und-brauchtum.html

[2]Besucht am 10.05.2019: https://en.wikipedia.org/wiki/Ero_guro

[3] Vgl: https://www.artsy.net/article/artsy-editorial-meet-master-japanese-erotica-heard, Besucht am 10.05.2019. und auch: https://www.youtube.com/watch?v=ff2YyDInw9Y Besucht am 10.05.2019.

[4]Besucht am 10.05.2019: https://www.tagesanzeiger.ch/kultur/kunst/penis-ja-vulva-nein/story/17881858


Oktopus:

Bei den Verschmelzungen von Mensch und Oktopus lasen die Teilnehmer*Innen diese als Referenz auf Donna Harraway.

„For Haraway, the Chthulucene is an era (with no time nor history) in which human race will confront its arrogance and ‘superiority’ and humbly make kin with the biological critters coming from the under-ground. The Chthulucene is the era in which humans will make kin with tentacles, spiders, bacteria, different ways of perceiving, living and dying, and becoming-with in n-dimensional time-spaces. (…)Tentacular thinking suggests the breaking of the binary through bodily practices and networks composed by trajectories, patternings and lines. The tentacular tangles the string(s) to collectively think and make kin with unknowns in storytellings that have been told and yet to come.“[1]

In meiner eigenen Analyse behaupte ich, dass die Illustrationen kaum als bewusste Referenz zu Donna Harraway gestaltet wurden, diese aber durchaus so gelesen werden können.

[1]Besucht am 10.05.2019https://www.spaceandculture.com/2018/04/25/donna-haraway-staying-with-the-trouble-book-review-by-juan-guevara/


Fazit zu Hybridität

Obwohl wohl kaum Illustrationen sich direkt auf Theorien wie diese von Donna Harraway beziehen, stehen die Hybriden Illustrationen in der Tradition die Grenzen der menschlichen Kategorie aufzulösen und durch Dekonstruktion, Verschmelzung, Gegenüberstellung und Re-Komposition über Gender zu reflektieren.

Dabei haben viele dieser Hybridisierungen etwas Selbst-Ermächtigendes. Die Figuren nehmen dabei die Kräfte und Eigenarten der Verschmolzenen Tiere und Wesen an.


Schlangen

Auch hier wurden einmal mehr viele Schlangen in den Illustrationen entdeckt. Es wurde über die Lesbarkeit der Bedeutung von Schlangen diskutiert. Wo fängt die Darstellung der Medusa an und wo hört sie auf oder muss anders interpretiert werden? Die Medusa ist eng verbunden mit einer feministischen Symbolik. Siehe dazu auch Auslegeordnung 2

Schrift

Hier möchte ich selbst anmerken dass es durchaus Illustrationen gibt, die Schrift integrieren. Dass wird oft da getan, wo eine klare Kritik adressiert werden soll wie z.B. „Smash the Patriarchy“.


Augen:

„Unter den fünf Sinnen des Menschen ist das Auge immer als das kostbarste Kleinod der Schöpfung und als das künstlichste und wunderbarste Erzeugnis der gütigen und weisen Natur betrachtet worden. Dichter haben es besungen, Redner gefeiert, Philosophen haben es als Maßstab für die Leistungsfähigkeit organischer Kraft gepriesen, und Physiker haben es als das unübertrefflichste Vorbild optischer Apparate nachzuahmen gesucht.“ (Selgimann 1910, S,1)

 Auch in dieser Gruppe würde über das Sujet des Auges diskutiert.

Für die Teilnehmenden war es schnell klar, dass diese Darstellungen oft das Thema des Blickes aufgriffen. Wobei sie die eindeutigen Darstellungen des dritten Auges der Mythologie zuordneten. Dabei wurde kurz über die (Re-)Appropriation mythologischer Zuschreibung diskutiert. Ich will hier kurz einige Bedeutungen von Augen anmerken, die für die Analyse des Auges in Illustration explorativ interessant sein könnten.

Es gibt eine Vielzahl an Bedeutungen zum Auge, die historisch und kulturell sehr variieren. Einige Beispiele und Aussagen stammen aus Siegfried Seligmanns: Der Böse Blick Und Verwandtes: Ein Beitrag Zur Geschichte Des Aberglaubens Aller Zeiten Und Völker. Das Buch ist 1910 erschienen und enthält teilweise veraltete Auffassungen wie Formulierungen, bietet aber dennoch eine Interessante Übersicht über die Bedeutung des Auges in verschiedenen Kontexten.

In einigen Illustrationen taucht eindeutig das dritte Auge auf, welches eine klare Zuschreibung zu mystischen und religiösen Konzepten hat. Es wird normalerweise auf der Stirn dargestellt und ermöglicht eine Wahrnehmung jenseits des gewöhnlichen Sehens.

In vielen Fällen ist das Auge symbolisch für das Welt- oder Gottesauge, Sinnbild für das göttliche Schauen, Symbol der Vorsehung, Weisheit und Allwissenheit. Diese Auffassung findet sich in vielen Mythen wieder: In Indien war die Sonne das Auge des Mitra, Varuna und Agni, in Ägypten das Auge des Osiris, bei den Griechen und Römern das Auge des Zeus. Nach der japanischen Mythologie entstand die Sonnengöttin Ama-terasu Ohomikami aus dem linken Auge des Gottes Izangai no Mikoto. In dem Zeichen der christlichen Dreieinigkeit wird Gott Vater unter dem Symbol des Auges dargestellt. Das Nazar-Amulett, auch bekannt als das Auge der Fatima benannt nach der jüngsten Tochter des Propheten Mohammed, soll vor dem Bösen Blick schützen.

So gibt es in vielen Kulturen die Idee des „Bösen Blickes“. „In tausendfachen Variationen kehrt in der Sage, der Volksüberlieferung, der Geschichte, dem Roman, dem Gedicht die wunderbare Wirkung wieder, die das Auge und der Blick auszuüben vermag. Und dabei ist es höchst charakteristisch, daß in den meisten Fällen dem Auge eine unheilvolle Macht zugeschrieben wird. Es herrscht allgemein die Anschauung, daß von dem Auge ein Zauber ausgeht, der auf ein anderes Auge wirkt und eine solche Macht hat, daß der, der ihn empfindet, sich ihm nicht entziehen kann und notwendigerweise besiegt werden muß. Dadurch kommt es, daß das Hauptgebiet des Augenzaubers der Krankheitszauber ist.“ (Selgimann 1910, S 2)

„Die mit dem bösen Blick behafteten sind überhaupt häufiger Frauen als Männer (…) Gewisse Frauen sind es auch, denen bei den Tagalen auf den Philippinen das mal ojo zugeschrieben wird. Sie sind dort imstande, durch ihren Blick andere derart krank zu machen, daß sie abzumagern beginnen und in ein paar Jahren sterben. Bei den Nagarnuk in Australien verliert ein Talisman seine schützende Eigenschaft, wenn eine Frau ihn angesehen hat.“ (Selgimann 1910, S 99)

Die Augen, das Sehen und der Blick haben sich aber auch in vielen Diskursen niedergeschlagen. Um aber die Nähe zum Thema Gender nicht zu verlieren, möchte ich an dieser Stelle mit Mulvey auf den „Male Gaze“ eingehen und anschliessend die These aufstellen, dass der „Female Gaze“ als etwas monströses konnotiert ist.

„In a world ordered by sexual imbalance, pleasure in looking has been split between active/male and passive/female. The determining male gaze projects its phantasy on to the female form which is styled accordingly. In their traditional exhibitionist role women are simultaneously looked at and displayed, with their appearance coded for strong visual and erotic impact so that they can be said to connote to-be-looked-at-ness. Woman displayed as sexual object is the leit-motif of erotic spectacle: from pin-ups to striptease, from Ziegfeld to Busby Berkeley, she holds the look, plays to and signifies male desire. „ (Mulvey 1975, s. 62)

Hier möchte ich ansetzen in meiner Argumentation, dass der „female Gaze“ als etwas monströses inszeniert und in einigen Illustrationen als solches auch reclaimed wird. Wie Mulvey beschreibt, ist der männliche Blick ein aktiver, während der weibliche ein passiver Blick ist. Dieser aktive und passive Blick trägt auch die unterschiedlichen sexuellen Rollen der beiden Geschlechter in sich. Der männliche Blick ist ein aktiver und lustvoller, während die Frau nur Lust daraus ziehen kann und darf, selbst als Objekt der Lust betrachtet zu werden, ohne eine eigenständige Begierde zu haben. Eignet sich eine Frau* einen eigenständigen aktiven und lustvollen Blick an, so wurde dieser systematisch dämonisiert. Dies ordnet sich in die Tradition ein, dass die Lustvolle Frau* ein Monster ist, vor dem gewarnt und bewahrt werden muss. So ist einerseits die Lustvolle Frau an und für sich ein Monster und so ist auch ihr „female Gaze“ monströs.

Literatur:

Mulvey, L. (1975): Visual Pleasure and Narrative Cinema – Laura Mulvey, in: Screen 16, 3, S. 6–18.

Seligmann, Siegfried: Der Böse Blick Und Verwandtes: Ein Beitrag Zur Geschichte Des Aberglaubens Aller Zeiten Und Völker., Hamburg 1910: Verlag H. Barsdorf.