Workshops

Auslegeordnung 2

Die zweite Auslegeordnung durfte ich im Rahmen des Kurses Bildtheorie von Peter Glassen, mit Student*Innen der visuellen Kommunikation, durchführen.

Input

Ich hatte dazu den Input-Vortrag angepasst und um eine Präsentation ergänzt, die zugängliche Beispiele enthielt, welche bei weiterführendem Interesse verlinkt sind. So können sich die Student*Innen bei Bedarf selbständig weiter informieren. Ausserdem teilte ich ein Handout mit den wichtigsten Begriffen aus.

Ich bekam im Nachhinein ein wichtiges Feedback zum Vortrag: Da ich im Vorfeld einige historische Beispiele brachte, war die Person verwirrt, dass wir nun kontemporäre Illustrationen behandelten – ich erwähnte dies nur gegen Schluss des Vortrages kurz.

Auslegeordnung Korpus

Ich habe die Bilder der Auswahl leicht angepasst. Dabei habe ich versucht mehr männliche Darstellungen aufzunehmen, um das Ungleichgewicht etwas weniger spürbar zu machen. Im Versuch dies zu tun, habe ich wiederum feststellen müssen, dass es in der Tat eher wenig männliche Darstellungen gibt, die über monströse Technologien Gender verhandeln. Dafür habe ich dieses Mal auch einige Illustrationen im Grundstock belassen, die ich zwar als männlich einordne, sich jedoch nicht explizit mit Gender befassen. Ich wollte sehen, ob auf diese Illustrationen reagiert wird. Sie fanden jedoch weder Einzug in die einzelnen Auslegeordnungen noch wurden sie in diesem Kontext als interessante Illustrationen aufgenommen.

Ich hatte sämtliche Illustrationen dabei und die Gruppen durften sich bei Bedarf auch dort Bilder heraussuchen. Ziemlich schnell wollten die Student*Innen sich entsprechenden Korpus ansehen, um ihre eigenen Auslegeordnungen zu ergänzen. Ich denke, dass dies vor allem auch daran lag, dass es 28 Personen waren und wir uns rund 30 Minuten Zeit dafür nahmen.

Methode

Da wir eine grosse Gruppe von 28 Student*Innen waren, passte ich den Ablauf leicht an. Ich liess sie wiederum die Bilder selbst auslegen und gab allen rund 20 Minuten Zeit, dies zu tun und sich möglichst viele Illustrationen anzusehen. Daraufhin bat ich sie, sich in den Gruppen zu treffen und jeweils eine eigene Auslegeordnung zu gestalten.

Über die Beobachtungen:

Augen

Die erste Gruppe hat sich auf die Darstellungen von Augen konzentriert.  Dabei haben sie weitere Unterkategorien gemacht und zwar nach typisch männlichen und weiblichen Darstellungen, sehr sexualisierte Illustrationen, nicht binäre und hybride (mit Tieren) Darstellungen.

Es wurde angemerkt, dass es interessant sei, dass die Gruppe versucht habe diese in männlich und weiblich einzuteilen, da es ja nicht unbedingt notwendig wäre. Daraufhin diskutierten wir kurz in der Gruppe, wie sehr wir Menschen versuchen in diese Kategorien einzuteilen und wie fest diese Kategorien in uns eingeschrieben sind. Interessant ist es auch zu sehen, dass gerade Darstellungen, die sich vielleicht versuchen diesen Kategorien zu entziehen uns irritieren und wir erst recht probieren diese einzuordnen. Ich habe angemerkt, dass es manchmal auch wichtig sein könne in einer solchen Auslegung eine Unterscheidung zu machen, um vielleicht untersuchen zu können, ob ein gewisses ästhetisches Mittel je nach Verbindung mit einem anderen Geschlecht auch eine Andere Bedeutung haben könnte.

Sie erzählten, wie auch sie das dritte Auge bemerkten und dies für den sechsten Sinn stehen könne. Oder auch wie Augen als Tor zur Seele gedeutet werden können. Sie redeten auch darüber, dass es auch für die Öffnung des Horizontes stehen kann und eine Kritik an die Engstirnigkeit sein könnte. Für die Gruppe ging es oft um das Sehen und Gesehen-werden und was das mit der eigenen Identität oder der der Anderen zu tun hat. Sie fanden es spannend, wie Augen auch als visuelles Mittel zur Irritation eingesetzt werden können und damit eben auch die Kategorie „Mensch“ aufgelöst wird.

Eine Teilnehmerin ergänzte, dass sie es auch spannend fände, dass die Form des Auges ja auch an eine Vulva erinnern würde und darin auch ein Spiel mit dem „Male Gaze“ liegen könnte.

Schlange

In dieser Auslegeordnung wurden zwei Unterscheidungen gemacht. Zum einen die Schlangen im Kontext von Darstellungen als und rund um Medusa. Zum anderen Schlangen, welche die Illustrationen mehr begleiten oder darin agieren. In der zweiten Kategorie ist ihnen aufgefallen, dass viele Schlangen selbst nicht als Monster, sondern als das was sie eigentlich sind, darstellt werden. Sie haben sich gefragt, inwiefern die Schlangen so als Referenz auf Adam und Eva verstanden werden könnte und sie so für die Lust und das Verbotene stehen. In diesem Kontext ist ihnen auch aufgefallen, dass es oft zum Kampf mit der Schlange kommt und dass dies für das Ringen mit dem Verbotenen stehen kann und jenem was als gesellschaftlich „nicht-normal“ eingestuft wird.

Weiter haben wir darüber diskutiert, inwiefern Medusa als Kritik an Gender-Dichotomien verstanden werden könnte. Medusa ist eine der populärsten weiblichen Figuren der Mythologie und kann durch ihre Geschichte auf verschiedene Weisen in einem feministischen Re-Reading gedeutet werden. [1]

Medusa – Der Schrecken der Weiblichkeit: Kaum eine weibliche Figur der griechischen Mythologie ist auch heute noch so beliebt wie Medusa, das Monster, das Männer mit einem einzigen Blick in Stein verwandeln konnte. Dante sah in ihr die erotische Kraft, und schilderte sie uns als femme fatal. Schaurig und betörend schön, erotisch und furchteinflößend, abstoßend und trotzdem unwiderstehlich. Auch in der Popkultur wird sie gerne aufgegriffen Versace hat in seinem Logo Medusa und erliegt dem „Reiz ihres geheimnisvollen Gesichtes“, wie Leeming schreibt. Bei den amerikanischen Feministinnen ist die Medusa im 20. Jahrhundert zu einem Symbol geworden für den Kampf gegen das Patriarchat. Tatsächlich ist die mythologische Medusa nämlich wirklich ein Opfer eines Mannes geworden: Laut Ovid war Medusa einst eine schöne junge Jungfrau, die einzige Sterbliche von drei Schwestern, die als Gorgonen bekannt sind. Ihre Schönheit fiel dem Meeresgott Poseidon ins Auge, der sie im heiligen Tempel der Athene vergewaltigte. Wütend über die Schändung ihres Tempels verwandelte Athene Medusa in ein Monster mit der tödlichen Fähigkeit, jeden, der ihr Gesicht betrachtete, in Stein zu verwandeln.[2]

Das Re-Reading und das Queering von Mythologie ist in der Auslegeordnung immer wieder zu sehen. Ich möchte eine Illustration hervorheben, die vor allem zusammen mit dem begleitenden Kommentar der Illustratorin besonders zu passen scheint:

„In Ancient Greek, cetus refers to a large whale/sea monster. In Greek mythology, Cassiopeia & Cepheus had Andromeda stripped naked and chained to a rock as a sacrifice to Cetus (Poseidon was pissed, it was a whole thing). Perseus came along and held up Medusa’s head, turning Cetus to stone (as goes one version of the story). Pretty standard stuff. But, you know, Perseus is kind of an asshole, and Medusa got a raw fucking deal so…it’s my party and I’ll queer mythology if I want to“[3]

Hörner

Auch hier gab es wieder zwei Unter-Kategorien: Geweihe und Tierhörner, sowie teuflische und dämonische Hörner. Sie gingen daraufhin vertieft auf das Bild der dämonischen Hörner (im christlichen Kontext) ein. Denn in der Religion wird der Teufel (oft) als etwas Schlechtes gedeutet und meist als Mann dargestellt. In der Auslegeordnung hat es aber viele gehörnte Frauen und die Gruppe interpretierte es so, dass diese Frauen aus Sicht der Religion etwas machen was tabu ist. So können die Hörner zum Beispiel als Verteuflung der weiblichen Lust verstanden werden, aber auch als Verteuflung von Homosexualität. Es wird angemerkt, dass es mit Reclaiming zu tun haben könnte. Da von der Norm abweichende Sexualität(en) lange verteufelt wurden können Illustrationen, die sich diese Dämonisierung zu Nutze machen und umdrehen, eine empowernde Wirkung haben.  

Hülle / Maske / An- und Abstreifen

Diese Auslegeordnung setzte sich mit der Hülle auseinander und wie das An-und Ausziehen von Haut, Hüllen und Masken verschiedene Bedeutungen haben kann. Zum einen kritisieren diese Darstellungen, dass Menschen sich für die Aussenwelt schön machen und immer eine ordentliche und Norm-gerechte Fassade aufrecht erhalten müssen . Zum anderen kann das Anziehen oder Abstreifen auch etwas empowerndes haben und dazu dienen die eigene Identität frei zu gestalten.

Illustration von Polly Nor

Spannend fanden sie es, dass es Illustrationen gab, auf welchen diese „Häutung“ auch während dem Sex gezeigt wird. Sie deuteten es so, dass ein Mensch beim Sex in der Community sein wahres Gesicht erst richtig zeigen kann und nicht mehr der Norm entsprechen muss.

Cyborgs / Biomorph

Diese Gruppe hatte sich eine zweite Auslegeordnung angelegt, bei welcher sie Darstellungen von Cyborgs und biomorphen Wesen zusammen gestellt hatten. Sie erzählten, dass diese Bilder für sie auf den ersten Blick nicht unbedingt positiv gewirkt haben. Viel mehr schienen diese organischen Geschwülste und halb pflanzlich oder technischen Wesen eher tumorartig auf sie. Es wirkte für sie, als ob ein Fremdkörper das menschliche durchwachsen und ihn entfremden würde. Eine Teilnehmerin erzählte, dass sie dann aber an Donna Haraways „Cyborg Manifesto“ denken musste und wie sie darauf plädiert, dass wir uns Cyborgs aneignen sollen um die Grenzen von Mensch zu Maschine und von Mensch zu Mensch als auch Mensch und Natur aufzulösen und wie das genutzt werden kann, um auch die Geschlechter-Kategorien aufzulösen.

Unter diesem Gesichtspunkt fanden sie es spannend, dass die Verschmelzung von Menschen mit Umwelt auch zu einer Verwischung und Überwindung von Geschlechterstereotypen führen kann.


[1] Besucht am 09.04.2019:  https://broadly.vice.com/en_us/article/qvxwax/medusa-greek-myth-rape-victim-turned-into-a-monster

[2] David Leeming, Medusa – Die schreckliche Schöne, Übersetzung von Matthias Wolf, Berlin: Wagenbach 2016

[3]  Besucht am 09.04.2019:  https://www.instagram.com/p/Bo2PJ0Wlyma/