Korpus

Korpus: Über das Sammeln von Monster-Illustrationnen

Nachdem ich im ersten Kolloquium erläutert hatte, dass ich untersuchen wollte wie Monster in Illustrationen genutzt werden, um Gender-Dichotomien zu kritisieren, musste ich mich auf die Suche nach einem Korpus machen. Denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine zeitgenössischen Bilder gefunden, die diese These unterstützen würden. Die Fragestellung war überwiegend aus den Theorien der Monster- und Gender-Studien abgeleitet und folgten vielmehr einer Ahnung, einem Bauchgefühl und vor allem einem grossen Interesse.

Da es bis heute keine vergleichbaren Arbeiten gibt, die diese Schnittstelle von Gender- und Monster-Theorie im Bild untersuchen, gestaltete sich die Definition eines Korpus zu Beginn sehr schwierig.

Während rund vier Monaten stellte ich eine Sammlung von gut 500 Bildern von rund 50 zeitgenössischen Illustrator*innen zusammen. Dabei ergänzten sich das systematische und das assoziative Sammeln, während sich das Bewusstsein um die Kriterien laufend durch die Theorie schärfte und erweiterte. Ich stützte mich bei der Recherche auf die Lektüre verschiedener Auseinandersetzungen und Definitionen des Monströsen[1] als auch nethnografische und visuelle Methoden[2]. Im Fokus meiner Suche standen Illustrationen, die das Potenzial haben, Gender infrage zu stellen.

Systematische Suche:

Bei den hier genannten Formaten war es mir möglich über Suchfunktionen nach gezielten Begriffen zu suchen. Jedoch war dies wenig ergiebig.

Auch analoge Formate wurden systematisch über einen Zeitraum von fast einem Jahr untersucht wie z.B. das Missy Magazin. Jedoch liess sich auch bei dieser Suche kein Bildmaterial zusammentragen, welches meinen Kriterien entsprach.

Assoziative Suche:

  • Pinterest
  • Instagram
    • Auf Instagram wurde ein forschungs-spezifischer Account erstellt. Der Account erwies sich als hilfreich, da viele Illustrator*innen mehrheitlich oder ausschliesslich über Instagram publizieren.[3]

Auf Instagram lassen sich Sammlungen anlegen. Der Account wird vorwiegend genutzt um Illustrationen und weitere Bilder zu speichern, um sie später allenfalls in den Korpus aufzunehmen. Auch nach Abschluss des offiziellen Korpus wurden darauf weiter Bilder gesammelt.

Die Mehrheit der gesammelten Bilder sind freie Arbeiten von Illustrator*innen. Nur sehr wenige waren zweckgebunden in Magazinen oder weiteren Kontexten publiziert worden. Dies erklärt zumindest teilweise auch, weshalb die systematische Suche als wenig förderlich herausstellte. 

„My images predominantly circulate online via Instagram.“

Interview mit LeeAnne Johnston

„I have done commission works but I usually draw what I want, which I like best. My illustrations tend to move more through the network: instagram, tumblr and facebook.“

Interview mit Rita Booh

„I don’t do commissioned work very often. I publish my work at social media mostly Instagram“

Interview mit Monique Moon

Da ich viele der Bilder über Instagram oder andere soziale Medien entdeckte, fehlte mir oft ein Kontext zu den Illustrationen und deren Erschaffer*innen. Wenn ich also aufgrund meiner Kriterien Monster-Bilder fand, recherchierte ich daraufhin auch deren Kontext. Dazu gehörte jeweils, soweit als möglich, deren Homepage oder andere Plattformen mit einschlägigen Informationen zu den Illustrator*innen. Ausserdem versuchte ich jeweils herauszufinden, ob diese Personen einen Bezug zu meinem Master-Thema haben könnten. Nebst den Homepages suchte ich daher nach Interviews oder Reviews zu den Gestalter*innen. Die Illustrationen habe ich auf Omeka[4] gesammelt und mit Schlagworten versehen, um die Sammlung im weiteren Verlauf als Recherche-Tool benutzen zu können.


Korpus für Workshops mit Auslegeordnungen

  • Druck einer Vorauswahl von ca. 300 Bildern.
  • Diese Vorauswahl habe ich in der Folge auf rund 100 reduziert, welche ich als besonders Aussagekräftig hielt.

Korpus für Workshops mit Auslegeordnungen

  • Vorauswahl

Um die gesammelten Illustrationen in den Workshops einsetzen zu können, musste ich diesen weiter eingrenzen, respektive auch aus praktischen Gründen verkleinern. 500 Bilder sind zu viel um damit in den Workshops mit den Teilnehmenden zu arbeiten, genauer zu betrachten und Auslegeordnungen durchzuführen.

Dafür habe ich in einem ersten Schritt den gesammelten Korpus noch einmal genauer untersucht und ein Ausschlussverfahren durchführen können. Spezifisch habe ich dabei Illustrationen ausgeschlossen, welche:

Diese Kriterien begleiteten mich zwar bereits im ersten Schritt bei der ursprünglichen Suche nach den Bildern. Während meiner Recherche schärfte sich aber mein Blick zusehends und die Suchkriterien ergänzten sich laufend um Inputs aus der Theorie. Daher war es wichtig den Grob-Korpus noch einmal zu durchforsten.

Bei dieser Vorauswahl blieben dennoch beinahe 300 Bilder im Korpus bestehen, was immer noch zu viele Illustrationen gewesen wären für die Workshops.

Dies lag zum einen daran, dass ich mich nicht bei allen Illustrationen nur auf meine eigene Bildanalyse (mit den oben genannten Kriterien) stützen wollte. Zum anderen waren auch viele Illustrator*innen redundant vertreten.

  • Definitive Auswahl

Um diese 300 Illustrationen auf maximal 100 Bilder weiter einzugrenzen, führte ich gemeinsam mit Adrian Demleitner eine erste Auslegeordnung durch. Mit ihm hatte ich auch die Veranstaltung It’s Alive! durchgeführt. Dadurch hatte Adrian Demleitner das nötige Hintergrundwissen und als Designer mit einem Interesse an Designforschung auch eine spannende Perspektive darauf.

Die daraus resultierende Auswahl formte den Korpus, der durch die Workshops darauf untersucht wurde, mit welchen visuellen Mitteln Monster in Illustrationen Kritik an Gender-Stereotypen auszuüben vermögen. Weitere Informationen zu den Workshops und deren Resultate sind den entsprechenden Blog-Beiträgen zu entnehmen.


[1] Vgl. Filser 2017, Mittman 2016

[2] Netnographie bezeichnet ein Vorgehen, in dem Methoden der Ethnografie im Internet angewendet werden. Das Wort Netnographie ist ein vom kanadischen Marketingprofessor Robert Kozinets geprägtes Kunstwort, das die zwei Begriffe Internet und Ethnographie vereint. Vgl. Kozinets 2010. Ausserdem wurden visuelle Methodologien nach Gillian Rose angewandt. Wobei ich mich während der Suche nach Illustrationen gerne auf die Bildanalyse nach Panofsky stützte. Vgl. Rose 2016

[3] «The very act of participating in a community changes the nature of later data analysis. » Vgl. Kozinets 2010

[4] Omeka ist eine Open-Source Software für die professionelle und akademische Verwaltung und Kuration digitaler Artefakte. https://omeka.org/, und meine Sammlung: http://jgomeka.rast.be/

Ergänzung

Ich möchte noch einige Überlegungen ergänzen, die mich bei der Definition des Korpus begleitet haben, welche nicht unwesentlich sind. Diese wurden nicht eher ausgeführt, da ich selber während meiner Recherche keinen Fokus darauf gelegt habe.

  • Ausschluss von Comics und grafische Novellen

Während meiner Forschung stellte ich schnell fest, dass Monster sich zwar durchaus den binären Geschlechtervorstellungen entziehen können, und dies vor allem auch durch Abstraktion tun. In einer stark abstrakten Form, werden Monster-Illustrationen aber oft nicht als etwas erkannt, das über Gender reflektiert. Fallen zu viele Identifikations-Merkmale von Gender weg, entziehen sich Monster zwar der Binarität, verlieren aber als einzelnes Bild auch ihr Potenzial über vorherrschende Gender-Vorstellungen zu reden.

Es gibt durchaus Beispiele, wie Monster so eingesetzt werden, jedoch vermehrt im Kontext von Medien mit weiteren Möglichkeiten der Narration, wie z.B. Comics, Bücher oder Filme – da in mehr als einem Bild eine Verhandlung von Gender auch in einer sehr abstrakten Form hergestellt werden kann.

Mir war es von Beginn an wichtig, Comics und grafische Novellen auszuschliessen. Einerseits weil diese eine zusätzliche starke Ebene der Narration haben die über die visuellen Mittel hinausgehen, andererseits weil es bereits viele (design-)wissenschaftliche Arbeiten über queerfeministische (Monster-)Comics und grafische Novellen gibt.

Das Kinderbuch Irgendwie Anders von Kathryn Cave, ist ein schönes Beispiel wie in einem Bildband Anderssein behandelt werden kann. In einem einzelnen Bild würde diese Verhandlung aber nicht funktionieren.

Illustration aus IRGENDWIE ANDERS von Kathryn Cave

Weitere spannende Arbeit sind zum Beispiel auch „Beyond: the Queer Sci-Fi & Fantasy Comic Anthology“ oder „My Favorite Thing Is Monsters“

Auch die Strapazin Ausgabe „BYE BYE FEAR, HELLO PEER“, in welcher Zeichner*innen sich mit queerfeministischen Themen beschäftigten und nicht selten monströse Ansätze in ihren Figuren erkennen liessen.

Quellen:

Gillian Rose (2016): Visual methodologies : an introduction to researching with visual materials, London: SAGE .

Robert V. Kozinets (2010): Netnography : doing ethnographic research online, London: SAGE.