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Monströse und menschliche Formen

Wie lassen sich Monster (in einer Illustration) erkennen? Und wann erkennen wir eine Auseinandersetzung über menschliche Kategorien?

Dieser Text findet sich in einer angepassten und kürzeren Form auch in der Master Thesis.

Monströse Formen

Ab wann erkennen oder definieren wir etwas überhaupt als Monster? Die Formen des Monströsen sind derart zahlreich und unterschiedlich, dass Zweifel aufkommen könnten, ob es überhaupt sinnvoll oder möglich ist, Monster zu definieren. Jedoch ist genau diese Vagheit und Ambivalenz ein erstes wichtiges Merkmal, das etwas als Monster erkennbar werden lässt.

“The primary element that defines monsters is that they are not not-monsters, not us, not normal. They have no category of their own by which they may be recognized and removed. They have an object (monsters are objectified, never subjects unto themselves) which cannot be described and placed into a category alongside other like objects is the primary concept which structures all other elements of monstrosity – that is the ambiguous, the neither-neither –neither this, nor that, but not “not” these things.“[1]

MacCormacks Zitat zeigt schön auf, dass unsere Definitionskraft von Monstern vor allem darin liegt, zu bezeichnen, was es nicht ist; es ist weder Mensch noch Tier. In dem Moment, wo wir es glauben zu erkennen und auf das Monster zeigen, hat es sich bereits wieder verändert und entzieht sich unseren Bedürfnissen nach klaren Kategorien. Es vermischt uns bekannte Formen in unnatürliche Zusammensetzungen, die uns befremden. Die Körper der Monster sind gezeichnet durch Mangel und Überfluss. Monster haben überzählige Glieder oder auch gar keine, sind von riesenhafter oder zwergenhafter Statur, verwischen die Grenzen zwischen Tier, Mensch und Natur.

Toggweiler beschreibt die formale Gemeinsamkeit von Monster wie folgt: „Ihre absonderlichen Leiber stehen in krassem Gegensatz zu dem uns bekannten Leib, dem menschlichen, dem des Hundes, des Vogels, des Fisches. Sie bestehen zwar aus uns vertrauten Teilen, aber sie bilden damit Formen des „Nicht“, ihre scheinbar beliebig zusammen gewürfelten Körper sind wie eine Parodie auf alles, was wir kennen. In diesem Sinn sind Monster negative Wesen. Ihre Monstrosität beruht auf dem Verstoss gegen die gängige Norm.“[2]

Formen der Reflexion über das Menschsein

Nachdem wir uns der Form des Monströsen genähert haben, wollen wir uns seiner visuellen Reflexionskraft über Gender annehmen. Ab wann erkennen wir eine Auseinandersetzung über menschliche Kategorien, also z.B. Gender?

Wenn Monster als Mittel der Kritik in Illustration eingesetzt werden, ist es immer auch eine Frage, wie diese eingesetzt werden, damit sie als Kritik gelesen werden kann. Dunne und Raby schreiben dazu: „How should the unreal, parallel, impossible, unknown, and yet-to-exist be represented? And how, in a design, can you simultaneously capture the real and not-real? This is where the aesthetic challenge for speculative design lies, in successfully straddling both. To fall on either side is too easy.“[1]

In einer stark abstrakten Form werden Monster-Illustrationen oft nicht als etwas erkannt, das Gender reflektiert. Wenn zu viele menschliche Identifikationsmerkmale wegfallen, entziehen sich Monster zwar der Binarität, aber sie verlieren als einzelnes Bild auch ihr Potenzial, über vorherrschende Gender-Vorstellungen zu reden. Um in einem einzelnen Bild Gender reflektieren zu können, werden oft visuelle Mittel genutzt, die menschliche Züge erkennen lassen, und die somit als Referenzen dienen. MacCormack schreibt: “Monsters when they are formed from human matter are never entirely independent from the human form. The very problem comes from their uncanny redistribution of human elements into aberrant configurations.”[2]


[1] Dunne und Raby, 2013, S. 101

[2] MacCormack, 2013, S. 303

Beispiele

Immer wieder begegneten mir bei meiner Suche nach einem Korpus Illustrationen bei denen ich mir erst durch die Unterstützung durch die Theorie sicher sein konnte, dass ich sie ausschliessen kann.

Ich bin auf der Suche nach einem Korpus auf spannende Illustrator*Innen gestossen die durch Verformung, Verzerrung, Verfärbung und andere Veränderungen der menschlichen Form abstrakte Figuren kreieren. Gerne und oft auch gezielt um menschliche Vorurteile und Gender-Stereotype zu kritisieren.

Diese Verfremdungen sind spannende visuelle Mittel um mit der menschlichen Kategorie zu spielen. Solange sie diese jedoch nicht überschreiten werden sie kaum als Monster verstanden.

Ein gutes Beispiel sind etwa Illustrationen die mit Anthropomorphismus umgehen. Dies ist nicht zuletzt auch in der Editorial-Illustration ein beliebter Griff um (surreale) Effekte zu erzeugen. Ein Beispiel aus meiner Korpus-Suche aus dem Missy Magazine:

Diese Illustrationen lassen zwar durch ihren anthropomorphen Charakter menschliche Züge erkennen (welche ich in meiner Arbeit als Voraussetzung für eine Auseinandersetzung mit Gender definiert habe). Jedoch reicht dieser Anthropomorphismus nicht aus, um etwas monströses zu schaffen. Sicherlich sind die Grenzen fliessend. Jedoch reicht es nicht aus Gegenstände und Objekte mit Augen und Gliedmassen auszustatten um sie als Monster wahrzunehmen.


[1] MacCormack, 2013, S. 303

[2] Toggweiler, 2008, S. 25