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Schedels „Wundervölker“

Im Mittelalter waren Monster und Wunder sehr viel mehr verbunden. Der Begriff der monströsen Völker (Wundervölker) war im Mittelalter auch mit dem Wunderbaren verknüpft. So wurden Monster zwar als Schöpfung Gottes gesehen, aber gleichzeitig bildeten gerade die christlichen „Wunderfölker“ auch die Grundlage für Rassismus.

Diese Vorstellungen über fremdartige Völker leiteten sich aus antiken Fabelwesen s und aus (erfundenen) Reiseberichten, und Berichten von Seefahrern. Wie die Monster wurden Wundervölker an das Ende der Welt lokalisiert. Sie gehörten zur geglaubten Realität und waren noch bis ins Mittelalter ein fester Bestandteil der Vorstellungswelt.

Im Mittelalter wurde intensiv Verhandelt, inwiefern diese Wundervölker eine Schöpfung Gottes und menschlich sind. Denn aus kirchlicher Sicht hing davon ab, ob diese zum Christentum bekehrt werden sollten.

Als portenta wird laut Varro [römischer Polyhistor, 116–27 v. Chr.] das bezeichnet, das wider die Natur geboren zu sein scheint. Aber sie sind nicht wider die Natur, sondern aus göttlichem Willen erschaffen, weil der Wille des Schöpfers und die von ihm geschaffenen Dinge Natur sind. (…) Portenta aber und ostenta, monstra und prodigia werden jedoch so genannt, weil sie offenbar Künftiges prophezeien (portendere) und aufzeigen (ostendere), zeigen (monstrare) sowie verkünden (praedicare). (…) Monstra werden aber so genannt, weil sie eine Ermahnung sind, die etwas Bedeutendes anzeigen oder etwas sogleich zeigen, wenn es erscheint. (…)“[1]

„Die Welt der mittelalterlichen Wunder war also vielfältig. Was wir im Deutschen als „Wunder“ bezeichnen, wurde in den lateinischen Quellen mit verschiedenen Ausdrücken benannt ( signa, prodigia, monstra, portentia, mirabilia, miracula). Religiöse Wunder bezeichnete man meist als miracula. Jene wundersamen Dinge, denen Reisende auf ihren Wegen in fernen Ländern begegneten, galten hingegen oft als mirabilia. Beide Begriffe konnten stets auch als Synonyme verwendet werden, die Übergänge zwischen ihnen sind fliessend.“(…) Je mehr Gelehrte über Wunder diskutierten, desto wenig wunderlich erschienen diese. In Bezug auf Berichte über konkrete Heiligenwunder und Mirabilien waren mittelalterliche Gelehrte häufig skeptisch, ob diese der Wahrheit entsprachen: Zeugen können sich irren, Reisende aus fernen Ländern ihre Geschichten ausschmücken oder gar ganz erfinden. Darüber hinaus wurde die Standortgebundenheit der menschlichen Wahrnehmung in Betracht gezogen.“ [2]

Nachrichten über Wundervölker finden sich in den hoch- und spätmittelalterlichen Reiseberichten, Enzyklopädien und Naturbeschreibungen.  Monster faszinierten und fanden zunehmend Einzug in Wunderkammern und Kuriositätenkabinetten.

Gerade im Bezug auf die „Wundervölker“ ist es aber auch wichtig den Aspekt von „race“ und Kolonialismus zu betrachten. Debra Higgs Strickland untersuch in Monstrosity and Race in the Late Mittle Ages wie monströse Völker ein Produkt des mittelalterlichen Christentums sind und die Grundlage dafür bildeten, diese als nicht-christlich, nicht der realen Welt angehörig, auszuschliessen.

„There is no genetic basis for categorizing human beings into races, and it is a basic tenet of anthropological knowledge that all normal human beings have the capacity to learn any cultural behavior: nobody is born with a built-in culture or language. And yet the concept of “race” as a genetically determined and permanent state identifiable on sight from external, physical characteristics has exerted a powerful influence on the ways in which Western cultures have perceived themselves in relation to others. Paramount among these is the literary and artistic tradition of the monstrous races, whose classificatory scheme for the world’s more colorful pseudo-inhabitants served a multitude of cultural purposes. Inherited from Greek and Roman antiquity and developed throughout the Middle Ages and early modern period, as other chapters in this book detail, scrutiny of this tradition perhaps more than any other can provide insight into the ideological infrastructure for the medieval, and ultimately, the modern rhetoric of what we might call “racism.” Authors and artists, especially in the Middle Ages, created strong links between physical and non-physical characteristics among different human groups in a wide variety of written and visual arenas, sacred as well as secular. Concomitantly, medieval ideas about race also informed conceptions of monstrosity put to relentless service in late medieval representations of Jews, Mongols, Muslims, and “Ethiopians” that continued to influence images of these and still other groups far beyond the Middle Ages.“

Hartmann Schedel, publizierte 1493 eine Weltchronik, in der er sogenannte Wundervölker auflistete und einige kurz erläuterte.[3]


[1] Sevilla, Isidor von: Isidori Hispanlensis episcopi Etymologiarum sive originum libri XX. Hg. von Wallace Martin Lindsay, Oxford 1911. Online: LacusCurtius, <http://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts/Isidore/home.html>, Stand: 27.06.2019.

[2] Almut Höfert, S. 5

[3] Schedel, Hartmann: Register des Buchs der Croniken und geschichten mit figuren und pildnussen von anbeginn der welt bis auf diese unnsere Zeit (= Liber chronicarum, Schedelsche Weltchronik), Nürnberg 1493, Universitätsbibliothek Heidelberg, Signatur: B 1554 B Folio INC, Fol:12r. Online: Heidelberger historische Bestände – digital, <http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/is00309000/0045>, Stand: 25.11.2015.

Quelle

Almut Höfert, Wunder und Monster im Mittelalter, Livingbookhistory, besucht am 3.5.2019: https://www.livingbooksabouthistory.ch/de/book/miracles-marvels-and-monsters-in-the-middle-ages

Debra Higgs Strickland, Monstrosity and Race in the Late Mittle Ages. in The Ashgate Research Companion to Monsters and the Monstrous, hrsg. von Asa Simon Mittman und peder J. Dendle London und New York: Routledge 2013