Besuch einer Veranstaltung

VOILA*! FEMINISTISCHER. KUNST. RAUM.

Besuch der Ausstellung im Frauenraum der Reitschule Bern vom 6. Mai 2018

Vor dem Eingang des Frauenraumes in der Reitschule Bern steht ein kleines aufblasbares Schwimmbecken. Es ist nicht ganz klar, ob dieses zur queerfeministischen Ausstellung Voila*! gehört oder vielmehr der Abkühlung an diesem überaus warmen Sonntag im Mai dienen soll. Auch im eigentlichen Ausstellungsraum wird schnell klar, dass es sich nicht um einen klassischen White Cube handelt.  Auf Sofas sitzen Gruppen von sich unterhaltenden Menschen und an einem Buffet gibt es Brunch zur Selbstbedienung. Die Ausstellungsgegenstände hängen, liegen oder stehen sich in diesem Raum gegenüber, dessen Atmosphäre den gewollt-kollaborativen Ansatz unterstreicht.

Beim Durchstreifen der ausgestellten Arbeiten begegnen den Betrachtenden eine Vielzahl von Vulven. Gemalte, gezeichnete, beschriebene und gestickte weibliche Genitalien herrschen vor. Es drängt sich die Frage auf, wie politisch provokativ eine Vulva im Jahr 2018 in einer kontemporären Kunstausstellung noch sein kann. Verfehlt diese Reduktion auf das weibliche Genital den heutigen intersektionellen Feminismus?

Die explizite wie auch abstrakte Darstellung von Vulven ist in der feministischen Kunstgeschichte verankert und hatte zu seiner Zeit eine starke politische Botschaft. Noch in den 70er Jahren war das Zeigen einer Vagina eine schiere Provokation, da im prüden Europa der Nachkriegszeit der weibliche Körper und die weibliche Lust pathologisiert wurden und keinen Platz in der Öffentlichkeit hatten.

Die politische Schlagkraft die einer reinen Abbildung einer Vulva vielleicht in den 70er und 80er Jahre noch inhärent war, verblasst vor dem Hintergrund der heutigen Diskussion um Intersektionalität im Feminismus und den Genderstudies. Wenn in einer queerfeministischen Ausstellung wie Voila*! überwiegend Vaginas gezeigt werden, so läuft sie Gefahr die feministische Kunst und dadurch auch den kontemporären Feminismus per se auf das weibliche Genital zu reduzieren und so ein einem normativen binären cis-Schema zu verharren. Dieser Fokus auf das Zeigen von Vulven – oder anderen Bildern traditioneller «Weiblichkeit» – schliesst Trans- und Intersex-Menschen aus und ignoriert den Faktor, dass Gender nicht einfach über Genitalien bestimmt wird.

Der Text zum Besuch der Ausstellung auf der Webseite besagt, dass diese «offen für alle Geschlechter» ist. Er fordert weiterhin explizit Arbeiten ein, welche sich kritisch zu weissen, patriarchalen und kapitalistischen Sehgewohnheiten äussern und sich auch kritisch zu etablierten Kriterien für «gute Kunst» positionieren.[1] Es scheint, dass die Ausstellung in ihrer Gesamtheit in einem normativen binären System zu verharrt und es stellt sich die Frage inwiefern dies einem kontemporären feministischen, wie künstlerischen Weiterkommen dient.

[1]2018.05.08: https://frauenraum.ch/programm/anlass/voila-feministischer-kunst-raum-2/