Texte und Arbeiten im Themenfeld

Bildtheorie Peter Glassen

Der Kurs zu Bildtheorie von Peter Glassen war eine wichtige Bereicherung für meine Master Arbeit. Die unterschiedlichen bildwissenschaftliche Theorien und Methoden konnte ich in meinem Projekt direkt anwenden. Diese waren gerade bei der Suche nach zeitgenössischen Monster-Illustrationen sehr wichtig und halfen mir bei Fragen wie: Wann ist ein Monster im Bild erkennbar? Wann sind menschliche Kategorien im Bild lesbar?

Ausserdem sollten wir einen Vortrag halten, den ich damals schon auf mein Thema ausrichtete. Damals hatte ich gerade erst mein Thema gefunden und es war noch mehr eine Idee als eine geschärfte Frage. Der Vortrag war eine gute Gelegenheit meine Gedanken zu sortieren und zu sehen wie ein Publikum darauf reagiert.

Im Vortrag sollten wir eine Bildanalyse durchführen. Ich wählte dafür ein altes Frankensteins Monster Cover.

Notizen zum Vortrag

Frankenstein’s Monster

Auf dem Bild sehen wir einen übergrossen Kopf, welcher grünlich eingefärbt ist und einen langen, schwarzen Schatten auf den roten Hintergrund wirft. Die Grüne Farbe und die distinkten Gesichtszüge, mit dem hohen quadratischen Schädel und der markanten Stirnpartie lassen uns sofort Frankenstein’s Monster erkennen. Wer noch zweifelt, wird spätestens durch den grossen Schriftzug belehrt, welcher sich über die Mitte des Bildes zieht. Frankenstein by Mary W. Shelly.

Unter dem Schriftzug liegt eine junge Frau queer über einem Bett. Die Gliedmaßen und der Kopf hängen schlaff über die Bettkante hinaus. Das Bett präsentiert sich grafisch in einem zarten Hellblau und mit Rüschen bekleidet.  Die anscheinend junge Frau liegt angezogen auf dem Bett und die Pose lässt offen, ob diese noch lebt oder nicht, lässt aber ausschliessen, dass diese nur schläft, da nichts darauf hinweist. Der übergrossen Kopf des Monsters schwebt über dem verletzlichen Körper der jungen Frau zum und lässt uns Schreckliches erahnen.

Der Stil des Bildes erinnert an ein Filmposter und scheint eine Mischung aus Collage und Illustration, respektive Kolloration zu sein. Der schwarze Schriftzug zusammen mit dem Titel gibt Aufschluss über den Hintergrund des Bildes. Es handelt sich um das Buch-Cover eines Photoplay. In der Zeit der Stummfilme und frühen ersten Tonfilme wurden diese noch „photoplays“ genannt. In den 1920er und 30er erschienen viele Photoplay-Edition Bücher, die mit Film-Stills illustriert waren.

Dieses Cover zeigt sehr schön auf, wie Narrationen/ Bilder sich crossmedial beeinflussen. Das Monster, welches wir alle sofort als Frankenstein’s Monster erkennen zeigt Boris Karloff, welcher in der ersten Tonverfilmung 1931 von Frankenstein das Monster gespielt hat.  Diese Darstellung des Monsters in der Verfilmung von 1931 hat unser kollektives Bild dessen massgeblich geprägt. Nicht nur Boris Karloff als Schauspieler, sondern auch das distinkte Makup des Maskenbildners Jack Pierce trug zur Ikonisierung des Monsters in dieser Darstellung bei.

Der Schwarzweißfilm aus dem Jahr 1931 verwendete jedoch eigentlich nur einige Motive und Personen aus Shelleys Roman und beruht eigentlich auf dem gleichnamigen Bühnenstück von Peggy Webling. 

Im ursprünglichen Roman von Mary Shelly wurde das Monster mit schwarzen langen Haaren, perlweissen Zähnen und gelblicher, runzliger Haut beschrieben. Die Übergrösse des Monsters rührt aus der Ungeduld von Dr. Frankenstein, welcher sich dazu entschied die Gliedmassen gross zu machen um sich nicht zu lange mit dem detaillierten nachbilden der feinen Kleinheiten wie dem Nervensystem aufzuhalten.

Die erste bekannte Illustration von Frankenstein unterscheidet sich stark vom Bild, das wir heute präsent haben und zeigt schön auf, wie sich visuelle Narrative über Zeit und Medien verändern und durch diese auch manifestiert werden können.

An dieser Stelle möchte ich gerne kurz auf die Entstehungsgeschichte von Mary Shelley’s Frankenstein eingehen. Der Roman erschien vor genau 200 Jahren. Die Geschichte fand ihren Beginn 1816 im Jahr ohne Sommer. Durch einen Vulkanausbruch in Indonesien wurde das Klima in Europa so beeinflusst, dass es ein Dystopischer Sommer mit viel Regen und ausserordentlicher Kälte gab, der viele Ernten ausfallen liess. Vor diesem Hintergrund machte Mary Shelley, damals noch Mary Godwin mit ihrem damals verheirateten Liebhaber Percy Shelly Ferien am Genfersee. Sie reisten mit der Stiefschwester von Mary, Claire Clairmont. In Genf trafen sie auf Lord Byron und seinen Leibarzt Dr. Polidori. Das schlechte Wetter zwang die Gruppe sich viel im Haus aufzuhalten wo sie sich Geistergeschichten erzählten. Lord Byron forderte daraufhin die Gruppe auf, einen Schreibwettbewerb zu machen, wo jeder eine Horror-Kurzgeschichte schreiben sollte. In diesem Schreibwettbewerb entwarf Mary Shelly die Geschichte von Frankenstein. Mary Shelly war zu diesem Zeitpunkt erst 16 Jahre alt. Als sie das Buch 2 Jahre später das erste mal veröffentlichte, tat sie dies anonym. Es rankten viele Gerüchte um den Roman, vor allem aber konnte sich niemand vorstellen, dass eine solche Geschichte von einer Frau, und erst recht von einer so jungen, geschrieben wurde. Ihr Vater war der Sozialphilosoph und Begründer des politischen Anarchismus William Godwin. Ihre Mutter war die Schriftstellerin und Feministin Mary Wollstonecraft, die mit Verteidigung der Rechte der Frau (1792) eine der grundlegenden Arbeiten der Frauenrechtsbewegung verfasste.

Zurück zum Ausgangsbild. Höchst spannend ist hier diese Überlappung und Verflechtung von verschiedenen Zeiten, Medien und eigentlich auch Geschichten.

An dieser Stelle möchte ich eine weiter Verflechtung aufzeigen.

Ich wählte dieses Bild zum einen, da ich dessen Kross-Medialität interessant fand, um die Narration von Frankenstein Monster über Medien und Zeit anzusehen. Aber auch weil ich mich durch die explizite Darstellung der Frau an ein anderes Werk erinnert fühlte.

Mit seinem Schauerbild «Nachtmahr» wurde der Zürcher Johann Heinrich Füssli zum Popstar der schwarzen Romantik. Das Gemälde spukt bis heute im kollektiven Gedächtnis herum.

Shelleys Eltern waren mit dem Maler Füssli bekannt, und verschiedene Quellen gehen davon aus, dass dessen «Nachtmahr» thematisch in «Frankenstein» einfloss. Wie bewusst das Cover mehr als 100 Jahre Später diese Verflechtung aufgriff ist schwer nachzuverfolgen. Es ist jedoch höchst interessant, wie sehr diese explizite Darstellung einer Frau Kunsthistorisch verankert ist.

Elisabeth Bronfen hat sich diesem Thema „der schönen weiblichen Leiche“ gewidmet. Ausgehend vom Zitat Poes untersuchte sie die Darstellung der weiblichen Leiche in Kunst und Literatur. Angetrieben wurde sie von ihrer Untersuchung, dass die weibliche Leiche so oft Gegenstand der Kunst ist und untersuchte unter anderem anhand Psychoanalyse und queerfeministischen Theorien dieses Phänomen. 

Sie deutet die Kopplung von Tod, Weiblichkeit und Ästhetik als Ausdruck nekrophiler Misogynie. Bronfen analysiert den Genuss, die Ängste und Zusammenhänge, die diese visuelle Befriedigung herbeiführt. Die schöne weibliche Leiche steht dem männlichen Blick und der männlichen Fantasie vollständig und unbedrohlich zur Verfügung.

Die weibliche Leiche kann somit für eine Überhöhung der Frau als Objekt gelesen werden. Die Darstellung der Frau als Leerstelle ist tief verankert in der Kunstgeschichte. Es gilt, dass Frauen gesehen werden und passiv sind, als Objekt dem männlichen Blick zur Verfügung stehen. Der Man sieht und bewegt sich als Akteur, als Handlungsfähiger.

Damit ist die Position der Frau innerhalb dieses semiotischen Netzes eine Leerstelle und steht für das Andere, das Passive. Dem gegenüber steht, dass der Mann in einer androzentrischen Gesellschaft als Norm gilt, als Subjekt und nicht als das „Andere“.

Unter diesem Gesichtspunkt will ich das Cover noch einmal aus einer feministischen Perspektive betrachten. So wird in einer frühen Rezension des Romans vom Androdämons geredet. Andro stammt aus dem griechischen als die Bezeichnung für Mann. Als Dämon  wird in verschiedenen Mythologien, Religionen und mystischen Lehren ein „Geist“ oder eine Schicksalsmacht oder auch Verhängnis bezeichnet. In dieser Aussage des Androdämons spiegelts sich also Frankenstein’s Monster als ein Sinnbild für das männliche Unheil welches die Gesellschaft heimsucht und plagt.

Das Monster von Frankenstein ist eine Überzeichnung der männlichen Dominanz und kann als Repräsentation des Patriarchats verstanden werden.

Das Cover in diesem Sinne stellt zwei Überzeichnungen / Überhöhungen von Geschlechterpositionen dar und kann somit als Kritik an eben dieser gelesen werden. Das Monströse Patriarchat schwebt somit über dem objektivierten, wehrlosen weiblichen Körper. Dieses Cover kann also als Kritik an den vorherrschenden Geschlechterrollen und der andorzentrischen Gesellschaftsordnung gelesen werden.

Dies reiht sich nicht zuletzt ein in eine Tradition von Literaturwissenschaften, die sich vor allem seit den 1970er Jahren intensiver mit dem Gesamtwerk von Mary Shelley befasst.

Dies ist zu einem großen Teil der feministischen Literaturwissenschaft zu verdanken, die ab den 1970er Jahren an Bedeutung gewann und zu zahlreichen neuen Ansätzen führte.

Dieses Cover eignet sich hervorragend um Geschlechterrollen in Illustration und Crossmedialität zu analysieren um damit über die grafische Ebene in den Genderdiskurs einzusteigen.

—- fertig, ev anmerkungen:

Sandra Gilbert und Susan Gubar haben in ihrem 1979 erschienenen Buch „The Madwoman in the Attic“ vor allem das Verhältnis von Mary Shelley zur männlich geprägten Literaturtradition hinterfragt. Nach ihrer Interpretation akzeptiert Mary Shelley diese männliche Tradition inklusive ihrer inhärenten Skepsis gegenüber dem Menschen, aber hege heimlich „Fantasien von Gleichberechtigung, die gelegentlich in monströsen Bildern des Zorns eruptieren“.

Dies nur als Randbemerkung um aufzuzeigen, dass der männliche Blick nicht nur den Männern vorbestimmt ist, sondern durchaus auch durch eine Frau eingenommen wird.